Von:
Susanne Brandt

e-musse.de

Wir tun uns schwer mit dem Nichtstun. In der antiken Philosophie war die Muße noch positiv geprägt als Ausdruck einer schöpferischen und würdevollen Geisteshaltung.

Im europäischen Mönchtum des Mittelalters rückte Müßiggang in die Nähe von Trägheit und erfuhr so eine Abwertung. „Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat“, heißt es bei Luther. Das Tätigsein genoss fortan eine besondere Anerkennung in der Ethik des Protestantismus.

Über die Jahrhunderte hat wiederum ein Wandel im Verständnis von Muße stattgefunden: Freie, bewusst erlebte Zeit ist heute auch in der protestantischen Spiritualität ein kostbares Gut.

Der Sonntag als arbeitsfreier Tag wird von vielen verteidigt und der alte Begriff hat jüngere Geschwister bekomme: Chillen, Wellness, Work-Life-Balance, Freizeit – um nur einige zu nennen.

Dabei werden die von Berufsarbeit oder sonstigen Verpflichtungen „befreiten“ Stunden nicht selten an andere Erwartungen geknüpft: Fitness und Lifestyle, Teilhabe an Konsumgewohnheiten und Mobilität versprechen Freiheit und schaffen zugleich neue Formen von Zweckbindung. Mit Muße als lebensbejahende Qualität von Zeit und Weltwahrnehmung hat das wenig zu tun.

Und doch gibt es sie noch: die einfache Übung, „mit Gedanken spazieren zu gehen“, der lange Blick über das Wasser, die freie Hingabe in der Liebe, die Weisheit zu erkennen, was jetzt „seine Zeit hat“. Das alles kann gelingen – immer und überall – wenn ich bewusst Freiräume in meinem Tages- und Lebenslauf offen lasse, um empfänglich zu bleiben: für Begegnungen, für Berührungen, für Worte, für Klänge, für die Natur, für Gott, der sich nicht in Sturm und Beben offenbart, sondern im „leisen Säuseln“.

Oder um mit dem Bild aus einem anderen Kulturkreis zu sprechen: „Nicht Hammerschläge, sondern der Tanz des Wassers rundet den Kiesel zur Schönheit.“ (Rabindranath Tagore)